Dimension und Dimensionen, Realität und Wirklichkeit

Ich lebe in der realen raumzeitlichen Welt, die – wie mir Astrophysiker versichern – vor 4 oder 5 Milliarden Jahren (inzwischen wird schon von 14-15 Milliarden gesprochen - aber hinsichtlich der Kürze unseres Lebens, spielt das wirklich keine Rolle!) mit dem Urknall entstand. Ich weiß, dass ich die Räume dieser Welt mit dem Meter messen kann und die Zeit mit dem Chronometer, auch Uhr genannt. Zum Messen eines Raumes brauche ich ein Meter und muss Länge, Breite und Höhe messen. Längenmeter mal Breitenmeter liefern mir die Fläche in Quadratmetern und mit der Höhe multipliziert die Raum- oder Kubikmeter. Das ist eigentlich schon alles. Ja, die Zeit wird meist mehr zufällig angesehen. Widerspruch legen Einstein und vor allem Geschichtsprofessoren ein. Sie behaupten etwas vom Wichtigsten sei die Zeit.

Bei genauerem Nachdenken erkenne ich, wie Recht Einstein hat, der von der raumzeitlichen Welt spricht. Ja ich erkenne: Real ist nur die raumzeitliche Welt, die raumzeitlichen Gegenstände. Dies ist die Berechtigung des Materialismus: Alles was zählbar, messbar, wägbar ist, hat Realität. Es hat sie in der Einheit seiner raumzeitlichen Gestalt. In seiner Vierdimensionalität. Kann ich diese vier Dimensionen teilen?

Ich beginne mit der ersten Dimension: Die Linie hat nur eine Dimension, nämlich die Länge. Wo gibt es diese Dimension in Realität? Ein Lehrer lässt die Kinder einen Strich auf ein Blatt Papier ziehen. Er verrät aber nicht, dass damit ein Körper in einem genau bestimmbaren Zeitpunkt geschaffen wurde. Mit einem Lineal, einem raumzeitlichen Körper, dessen Volumen zu messen ist, dessen Entstehung genau datierbar ist, kann ich die Länge der Linie messen, um ihre Breite zu messen brauche ich schon ein spezielles Werkzeug und ein hochspezialisiertes um die Dicke der Bleistift-, Tinten- oder Kulischicht zu messen. Da das aber alles möglich ist und ich auch genau weiß, wann der Strich gezogen wurde, stelle ich fest, dass in jenem Moment ein neuer raumzeitlicher Körper real in dieser realen Welt entstand. Wo gibt es dann die eine, die erste Dimension? Nur in meinem Kopf! Da ist sie Wirklichkeit, nicht real, denn man kann sie weder zählen, noch messen, noch wägen. Ich allein weiß, dass und wann sie da ist.

Ebenso verhält es sich mit der Fläche. Im Winkel von neunzig Grad ziehe ich eine zweite Gerade, parallel zur ersten und parallel zur zweiten schließlich die dritte und vierte Gerade. Vor meinen Augen habe ich nun eine genau messbare Fläche. Die zweite Dimension. In der Realität aber – siehe das zur Linie Gesagte – habe ich vier Raumkörper und bezeichne den von ihnen eingeschlossenen Raum als Fläche. Wo existiert die Fläche? Nur in meinem Kopf, in der Realität dieser raumzeitlichen Welt nicht. In meinem Kopf jedoch ist sie Wirklichkeit.

Wenn ich die Fläche nicht als Rechteck, sondern als kompliziertes Kunstwerk schuf, kann ich ihre raumzeitliche Gestalt höchstens mit Hilfe eines Rechners und komplizierten mathematischen Formeln bestimmen. Aber es lässt sich alles berechnen! Sollte ich nun das Blatt mit der Zeichnung verbrennen, so existiert der raumzeitliche Körper nicht mehr. Mein Gedächtnis aber kann seine Wirklichkeit bewahrt haben und zu anderer Zeit einen identischen zu erstellen versuchen. Identisch wird er nicht sein, kann er nicht sein, weil zu anderer Zeit erstellt, weil der Druck auf das Schreibwerkzeug nicht identisch sein kann.

Wir merken: Realität und Wirklichkeit die Duden als Synonyme führt, sind in diesem Fall zu unterscheiden.

Wie steht es mit dem Raum, der dritten Dimension? Genauso. Wenn ich mich recht erinnere, wurde uns perspektivisches Zeichnen erst in der ersten Gymnasialklasse beigebracht. Ich zeichne also perspektivisch einen Raum, messe und berechne seinen Rauminhalt. Da ich auch von Maßstäben weiß, kann ich mir „wirklich" vorstellen, wie groß der Raum ist, der auf meinem Blatt nur Zentimeter misst, ich wandle sie in Meter. In der raumzeitlichen Realität dieser Welt existiert nur ein Blatt Papier, vielleicht vor hundert Jahren geschöpft und darauf etliche raumzeitliche Tintenkörper, in meiner Wirklichkeit ist es mein neues Haus, dass der Architekt in seiner, des Architekten Wirklichkeit, also erst in seinem Kopf und dann am Reißbrett gestaltet. Er spricht vielleicht von Linien, Flächen und Räumen, aber das, worauf er zeigt sind zarte Farbraumzeitkörper und nur dank in gemeinsamer Konvention erarbeiteten Verständnisses entsteht in meinem, wie in seinem Kopfe etwa, betont: etwa die gleiche Wirklichkeit. In dem vollendeten Werk, das ein Baumeister mir nachher übergibt, sind real Mauern, die ihre Dicke und ihre Unebenheiten haben. Ideale Linien und Flächen gibt es nicht. Mich interessiert vor allem der Leerraum, der „umbaute" Raum. Den Zeitpunkt der Übergabe werde ich genau protokollieren. Hoffentlich kommt keine Jahrhundertflut, kein Brand, keine andere Katastrophe die bald ein Ende setzt. Doch ist nicht nur uns Menschen, sondern auch jedem Raumkörper in dieser realen Welt ein Ende sicher.

Können Sie mir beipflichten, dass Realität und Wirklichkeit zweierlei sein kann? Realität gehört in die raumzeitliche Welt, Wirklichkeit in unsere geistige Welt. Wir tun gut, das säuberlich zu unterscheiden, wenn es uns auch schwer fällt. In der Praxis überhaupt. Denn wir sehen die Welt als Einheit, die sie auch ist.

Der Strich ist Symbol für die erste Dimension, der Punkt für einen Punkt. Das Symbol vertritt die Wirklichkeit und leitet die Realität ein.

Kommen wir noch einmal zu den Dimensionen zurück. Halten wir also fest: In der Realität dieser raumzeitlichen Welt gibt es nur raumzeitliche Realitäten, die in vier Dimensionen zu messen sind (drei des Raumes und jener der Zeit). Diese vier Dimensionen bilden immer eine letztendlich untrennbare Einheit. Sie sind zählbar, messbar, wägbar.

Übrigens ganz genau werden meine Messungen nicht sein können. Keine Messung in dieser realen Welt kann ganz genau sein. Ein Spielraum bleibt immer. Auch wenn ich die Stoppuhr gedrückt hätte, bleibt nicht nur die Frage der Exaktheit ihrer Betätigung, sondern auch ob Beginn oder Ende der Aktion oder gar ein Mittelwert zu nehmen sei, um zu wissen, ab wann der neue Raumzeitkörper Linie entstand.

Wann wird ein Mensch geboren, welches ist die Minute der Geburt? In dem Moment wo das Kind gänzlich die Mutter verlassen hat. Klar, aber das ist nur ein Grenzwert.

 

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